Nixe

Die letzte L├╝he-Jolle

Die L├╝he-Jolle war ein relativ kleines Segelschiff, das f├╝r den Obsttransport gebaut wurde. Weil die L├╝he, besonders zwischen Horneburg und Steinkirchen sehr schmal war, konnten nur kleine Schiffe den Fluss befahren, da sie auf dem engen Fluss noch wenden mussten. Besonders auf den weit entfernten M├Ąrkten war der Obsthandel in fr├╝heren Zeiten ein gutes Gesch├Ąft. So fuhren die Schiffer aus dem Alten Land ihr Obst mit den L├╝he-Jollen auf der Nordsee bis nach London und Schottland, auf der Ostsee nach Norwegen und sogar bis ins entfernte St. Petersburg.┬áEinige L├╝he-Jollen, so berichtete Erich Garrn, fuhren halbreife Zwetschen nach Schottland. Dort wurden sie vergoren und zu Schnaps gebrannt. Als R├╝ckfracht kam Weizen an Bord. In Otterndorf wurde die Weizenfracht gel├Âscht und dort als Saatgut verkauft. Mit diesem eintr├Ąglichen Handel konnte der Schiffer ÔÇ×tausende von GoldmarkÔÇť verdienen. So hatte Jan Hauschildt eine L├╝he-Jolle besessen und damit ├äpfel nach Tallin transportiert. Dort wurden die ├äpfel gegen Holz getauscht, welches nach Ende der Reise f├╝r viel Geld verkauft wurde.

Die L├╝he-Jollen galten als gute Segler und waren sehr seet├╝chtig. Gebaut wurden die kleinen Schiffe ausschlie├člich auf 4 Werften an der unteren L├╝he. Die Sietas Werft in Gr├╝nendeich hat neben den Werften Vorwerk, Ranke und Rathjens etwa 60 L├╝he-Jollen gebaut. Um 1830 gab es in der L├╝he 175 Jollen. 1900 existierten davon 100 und 1934 waren 4-5 ├╝brig geblieben. Heute existiert nur noch die NIXE. Die Schiffe waren zwischen 9-12,50 m lang und zwischen 3,50-4,50 m breit. Der Tiefgang betrug etwa 1m. Das meistens durchlaufende Deck hatte f├╝r den Ruderg├Ąnger an der Pinne eine kleine Plicht. Im Vorschiff lebte die Besatzung, die aus 2 Leuten bestand, in einem winzigen Logis ohne Stehh├Âhe. Dort war gerade eben Platz f├╝r 2 schmale Kojen und einen kleinen Schrank. Gekocht wurde auf einem Herd, der auch f├╝r ein wenig W├Ąrme sorgte. Heute ist es unvorstellbar, wie die beiden Seeleute auf l├Ąngeren Reisen in dieser Enge gelebt und gearbeitet hatten. Gleich hinter dem Mast befand sich der mit h├Âlzernen Lukenbrettern und Persenningen abgedeckte Laderaum. Das Obst lagerte in runden K├Ârben, den Sifften, die gut gestapelt werden konnten. Die Jollen waren gaffelgetakelt und f├╝hrten an einem Mast Gro├čsegel, Fock und Gaffeltopsegel.

Die Vergangenheit der NIXE in ihrem Heimatrevier an der L├╝he hat sich bisher leider nicht vollst├Ąndig ermitteln lassen. Wahrscheinlich hatte sich der Schiffer Claus M├╝ller im Jahr 1884 die L├╝he-Jolle beim Schiffszimmerermeister Diederich Sietas in Gr├╝nendeich bauen lassen und sie auf den Namen Der junge Johann getauft. Am 19. Oktober 1905 erwarb Johann Garrn die Jolle und gab ihr den Namen Meta-Marie. In sp├Ąteren Jahren zog er nach Hamburg und handelte dort mit Obst. Wahrscheinlich kaufte im Jahr 1932 der Fischer Willi Jasper die L├╝he-Jolle META-MARIE und gab ihr den Namen MARIE. Als Krabbenkutter MARIE befuhr der Kutter mit dem Fischereikennzeichen B├ťS 99 von B├╝sum aus das Wattenmeer. Der Fischer Karl Gustaffson kaufte 1936 den kleinen Krabbenkutter und gab ihm den Namen NIXE. Sein Sohn Rudolf ├╝bernahm 1966 die NIXE von seinem Vater. Bis 1975 betrieb er mit dem inzwischen 91 Jahre alten Kutter den Krabbenfang und musste dann aus Gesundheitsgr├╝nden die Fischerei aufgeben. Der Schmiedemeister Peter Rosin nutzte ab 1975 die NIXE als Sportboot. Wegen eines starken Wassereinbruchs im Jahr 1990 wurde der Kutter bei der Werft Landberg in B├╝sum an Land gesetzt. Welch ein Gl├╝ck, dass der Werftbesitzer die historische Einmaligkeit des Schiffstyps erkannte und das Wrack nicht zu Feuerholz zerschlug.

2008 kaufte der F├Ârderverein L├╝he-Aue die NIXE und rettete sie vor dem sicheren Verfall. Nach 124 Jahren kehrte die letzte L├╝he-Jolle wieder in ihr Heimatrevier zur├╝ck und wurde in der N├Ąhe ihrer urspr├╝nglichen Bauwerft unter einer Plane auf dem Pio-Platz aufgestellt. Die Vereinsmitglieder holten einen Anh├Ąnger voll mit Erde, M├╝ll und kleinen B├Ąumen aus dem Wrack und konservierten das Holz mit mehreren Anstrichen. Ein Gutachten von Frau Dr. Jana Gelbrich vom Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven stellt einen guten Erhaltungszustand fest. Das Schiff sollte vor der Witterung gesch├╝tzt werden, denn die trockenen Bedingungen sind f├╝r den weiteren Erhalt von gro├čer Bedeutung. Zur historischen Einordung wird hier Frau Dr. Gelbrich w├Ârtlich zitiert: ÔÇ× Daher bietet das Wrack der NIXE eine derzeitig einzigartige Chance den Schiffstyp L├╝hejolle mit seiner historischen und regionalen Bedeutung sowie den veranschaulichenden Informationen und Spezifit├Ąten zu erhalten und als Kulturgut den Menschen n├Ąher zu bringen.ÔÇť Schiffshistorisch betrachtet ist die Rettung der NIXE eine kleine Sensation. H├Âlzerne Schiffe erreichen normalerweise ein Alter von 30 bis maximal 50 Jahren, die NIXE ist aber bereits 132 Jahre alt. Das Handwerksmuseum in Horneburg k├Ânnte die letzte L├╝he-Jolle als Beispiel f├╝r den Schiffbau der vielen Werften an der L├╝he in einem Anbau ausstellen. Mit Sicherheit ist die NIXE eine Bereicherung f├╝r das anerkannte Museum.

Vicco Meyer